Wenn wir uns fragen, was „emanzipatorische Klassenpolitik“ bedeutet, dann müssen wir uns doch als aller erstes fragen, von welcher Klasse wir eigentlich reden. Klar ist, dass wir an die Arbeiter_innen denken – aber wer ist das?

Wir haben inzwischen mitbekommen, dass sich die Zusammensetzung der Menschen, die einer Lohnarbeit nachgehen, grundlegend verändert hat. Allein die Frauenerwerbsquote ist heute so hoch wie noch nie. Gleichzeitig zeichnet sich an ihnen aber auch die Veränderung des Arbeitsmarktes ab. Rund 30 Prozent aller weiblichen Beschäftigten arbeiten im Niedriglohnsektor. 2/3 aller ausschließlich im Minijob Beschäftigten sind Frauen. Gerade in den Branchen, die wegen ihrer mangelnden Profitabilität zunehmend unter Druck geraten, arbeiten hauptsächlich Frauen: In der Kindertagesbetreuung sind es 95%, in der Pflege sind es 85%.

Diese Aufspaltung der Menschen in der Lohnarbeit ist kein Zufall, sondern direkte Folge des Patriarchats, von dem auch Teile der Lohnarbeitenden selbst profitieren. [Andere Herrschaftsverhältnisse kommen hinzu: die geschätzt an die halbe Millionen Pendelmigrantinnen aus Osteuropa, die in deutschen Privathaushalten die Löcher des Pflegesystems stopfen, zeugen davon.] Die widersprüchlichen Interessen dürfen wir nicht vom Tisch wischen, wenn wir wirklich verbindende Praxen suchen.

Wenn wir aber von Arbeiter_innen sprechen, dann müssen wir vor allem aber auch klären: um welche Arbeit geht es eigentlich?

Wir können dabei und müssen sogar auf die Einsichten, die uns ein sozialistischer Feminismus gebracht hat, zurückgreifen. Denn wir dürfen die Spaltungen und die Wertungen, die uns der Kapitalismus und seine Profitlogik diktieren, nicht in unserer eigenen politischen Praxis wiederholen, wenn diese darüber hinausweisen will.

Sozialistische Feministinnen haben schon vor Jahrzehnten formuliert: Der Arbeitsbegriff darf sich nicht auf Lohnarbeit alleine beschränken. Es ist die unentlohnte Sorge-Arbeit, die Frauen tagtäglich und meist unsichtbar leisten. Die Erziehung von Kindern, die Zubereitung von Essen, die Pflege zwischenmenschlicher Beziehungen. Das ist die gesellschaftlich notwendige Arbeit, wenn wir das Leben wieder ins Zentrum stellen anstatt den Profit. Auch sie müssen deshalb selbstverständlicher Teil einer zu organisierenden Arbeiter_innenklasse sein.

Wenn wir uns darauf einigen können bleibt natürlich immernoch die Frage: wie organisieren wir uns und für was?

Gewerkschaften und DIE LINKE sind bereits an wichtigen Kämpfen dran. Beispiele sind etwa die Personalbemessung in der Krankenhauspflege, in der es nicht nur um gute Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten geht, sondern auch darum, was eigentlich für menschenwürdige Pflege notwendig ist. Oder die Auseinandersetzung der IG Metall um eine Arbeitszeitverkürzung für Sorgearbeiten. Und es gibt Kämpfe um den Ausbau einer sozialen Infrastruktur, wie etwa einer qualitativ hochwertigen und kostenlosen Kinderbetreuung.

Hier stecken zentrale Ansätze drin, aber es fehlt noch die feministische Rahmung: feministisch in dem Sinne, dass die geschlechtliche Arbeitsteilung angegriffen wird, aber auch der Wert von Arbeit am Menschen explizit aufgenommen. Feministisch in dem Sinne, dass der Zusammenhang der Produktions- und Reproduktionssphäre herausgestellt wird. Feministisch in dem Sinne, dass es uns nicht um „Vereinbarkeit“ von Arbeit und Familie gehen kann, sondern um Vereinbarkeit auch mit Spaß und Politik. Feministisch in dem Sinne also, dass wir Bedürfnisse ins Zentrum stellen und wirklich breit darüber diskutieren, welche Arbeiten für diese Bedürfnisse gesellschaftlich notwendig sind. Es geht also nicht so sehr darum, dass sich die Auseinandersetzungen nicht von selbst schon aufdrängen würden, sondern, dass wir sie oft nicht größer einordnen.

Wenn wir uns auch mit den Arbeiter_innen in Privathaushalten organisieren wollen, stellt sich das Problem der Vereinzelung noch einmal verschärft. Allein deshalb sollte die Partei DIE LINKE ein attraktiverer Ort für Frauen sein. Das bezieht sich einmal darauf, dass die inhaltlichen Forderungen mit dem Leben von Frauen zu tun haben und sie es deshalb attraktiv finden, sich einzubringen. Aber es bezieht sich auch auf ganz profane Fragen der Zeiten für Treffen und Ämter, von Kinderbetreuung und von Redeverhalten.

Darüber hinaus können wir an feministische Bewegungen und Debatten anknüpfen, die gerade in diesen Zeiten eines fortschreitenden Rechtsrucks vitaler erscheinen als lange und Mobilisierungen quer zu sonstigen Spaltungen möglich machen. Aktive des Frauen*kampftagsbündnisses in Berlin laden für den 9.Mai zu einem ersten Vernetzungstreffen für einen politischen Streik ein, der genau diese Punkte aufgreift. Ich würde mich freuen, viele einer sich formierenden Bewegungslinken dort zu treffen.


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