Jessica Tatti – AG Kämpfe um Arbeit: Digitale Arbeitswelt im Sinne der Beschäftigten gestalten

Digitale Arbeitswelt im Sinne der Beschäftigten gestalten

Kaum ein arbeitsmarktpolitisches Thema ist derzeit medial so präsent wie die Digitalisierung der Arbeitswelt: Auf der einen Seite Schreckensszenarien, dass die die Hälfte aller Arbeitsplätze wegrationalisiert werden könnte. Auf der anderen Seite erheben die Arbeitgeberverbände die Digitalisierung zur Schicksalsfrage der deutschen Industrie – eine Drohkulisse, die der Durchsetzung ihrer Interessen an einer weiteren massiven Deregulierung des Arbeitsmarktes dienen soll:

So fordert der BDA unter dem Deckmantel der Digitalisierung tiefe Einschnitte in das Arbeitszeitgesetz und Arbeitsschutzrechte. Die Unternehmen haben ihre eigene Vision von den Arbeitskräften der Zukunft: Beliebig einsetzbar sollen sie sein und am besten rund um die Uhr verfügbar. Zu diesem Zweck soll die Wochenend- und Feiertagsarbeit ausgeweitet, Ruhezeiten abgeschafft werden. Die Wochenhöchstarbeitszeit soll die tägliche Höchstarbeitszeit ersetzen. Der BDA spricht von Flexibilisierung, allerdings einseitig im Interesse der Arbeitgeber.

Dabei ist das heutige Arbeitszeitgesetz flexibel genug, um alle betrieblichen Bedarfe abzudecken: Langzeitkonten, Vertrauensarbeitszeit, Gleitzeit- oder Schichtsysteme sind gelebter Betriebsalltag. Dem gegenüber steigt seit einem Jahrzehnt die Zahl der Krankentage aufgrund der Zunahme von psychischen Belastungen am Arbeitsplatz dramatisch an. Personalmangel, Arbeitsverdichtung, beschleunigte Arbeitsprozesse, Multitasking und ständige Erreichbarkeit erzeugen für viele Beschäftigte puren Stress im Arbeitsalltag.

Ein begrenzter Arbeitstag, ausreichende Ruhezeiten und das Recht auf Nichterreichbarkeit am Feierabend sind für gesunde Arbeitsbedingungen unerlässlich. Daher fordert DIE LINKE die Begrenzung der wöchentlichen Höchstarbeitszeit auf 40 Stunden pro Woche und will eine gesellschaftliche Debatte zur generellen Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich anstoßen, die sich um die 30-Stunden-Woche drehen soll. Der durch die Digitalisierung anzunehmende Produktivitätszuwachs schafft die Möglichkeit Arbeit gerechter zu verteilen und kürzere Vollzeitstellen zu schaffen, die Zeit für sich, Erholung und die Familie frei werden lassen. So kann die ganze Gesellschaft von der Digitalisierung profitieren.

Die Angst, dass uns Maschinen die Arbeitsplätze wegnehmen ist so alt wie der technologische Fortschritt selbst. Doch das Arbeitsvolumen befindet seit fast 30 Jahren auf dem gleichen Niveau. Eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) kam jüngst zur Einschätzung, dass es zwar wahrscheinlich sei, dass Berufsbilder im Zuge der Digitalisierung verschwinden, im Gegenzug aber auch viele neue Berufe entstehen werden.

Das erfordert effektive Qualifizierungs- und Weiterbildungsmöglichkeiten für die Beschäftigten. Sie dürfen mit dem Anspruch zum lebenslangen Lernen nicht im Stich gelassen werden. DIE LINKE fordert einen Weiterbildungsfond, in den auch die Unternehmen einzahlen, um ihre Belegschaften auf die digitale Arbeitswelt vorzubereiten. Hierzu brauchen Betriebs- und Personalräte stärkere Mitbestimmungsrechte. Neue digitale Beschäftigungsgruppen wie Crowd- und Clickworker sind arbeitsrechtlich abzusichern und in die sozialen Sicherungssysteme einzubeziehen.

Gerade wenn die Zunahme von Arbeitslosigkeit durch die Digitalisierung befürchtet wird, müssen Erwerbslose wieder deutlich stärker in den Fokus der Politik rücken. Zur Bekämpfung der seit vielen Jahren auf hohem Niveau stagnierenden Langzeitarbeitslosigkeit braucht es einen öffentlich geförderten Beschäftigungssektor, der echte Perspektiven für die Menschen schafft, statt sie unter Androhung von Sanktionen in Niedriglöhne und prekäre Arbeit zu drängen.

Der Vorrang der kurzfristigen Vermittlung in Arbeit, muss zugunsten der Qualifizierung für nachhaltige berufliche Perspektiven am ersten Arbeitsmarkt aufgehoben werden.

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